Define Kamhuka: Von Simbabwe zur Fachverkäuferin bei Metzgerei Freyberger in Nürnberg
Von Simbabwe nach Nürnberg. Define Kamhuka hat sich in Deutschland eine berufliche Zukunft aufgebaut. Dabei musste sie nicht nur eine neue Sprache lernen und sich in einem ungewohnten Arbeitsumfeld zurechtfinden, sondern auch mit rassistischen Erfahrungen umgehen. Ihre Geschichte zeigt, was mit Ehrgeiz, Unterstützung und Durchhaltevermögen möglich ist und warum das Handwerk Menschen wie sie braucht. Hier ist die Reportage als Video.

Ein Neuanfang, der Mut erfordert
Als Define Kamhuka vor drei Jahren aus Simbabwe nach Deutschland kam, lag ein völlig neues Leben vor ihr. Die heute 26-Jährige wollte eine Ausbildung absolvieren und sich beruflich eine Zukunft aufbauen. Dafür ließ sie ihre Familie und ihr vertrautes Umfeld zurück und begann in Nürnberg noch einmal von vorn.
Heute arbeitet sie als Fachverkäuferin bei der Metzgerei Freyberger. Sie berät Kunden, bereitet Wurst- und Käseplatten vor, gestaltet Canapés und stellt Geschenkkörbe zusammen. Was inzwischen selbstverständlich wirkt, war am Anfang eine große Herausforderung.
„Am Anfang habe ich gedacht, ich schaffe das nicht“, erzählt Define. Die Sprache, die vielen neuen Eindrücke und die ungewohnten Abläufe setzten ihr zu. Doch sie blieb dran. Mit der Unterstützung ihrer Kollegen und ihres Chefs sowie durch einen Deutschkurs verstand sie immer mehr. Schon nach wenigen Wochen fiel ihr vieles leichter, als sie zunächst erwartet hatte.
Heute ist aus der anfänglichen Unsicherheit eine beeindruckende Routine geworden.
Mit Liebe zum Detail und einem Blick fürs Ganze
Wer Define bei der Arbeit beobachtet, erkennt schnell, dass sie ihren Beruf ernst nimmt. Beim Anrichten von Canapés kommt es auf die richtige Auswahl der Zutaten, saubere Arbeit und eine ansprechende Präsentation an. Wurst und Käse müssen nicht nur schmecken, sondern auch optisch überzeugen.
Define arbeitet konzentriert, präzise und mit viel Liebe zum Detail. Auch bei Geschenkkörben und individuell gestalteten Platten beweist sie ihr Gespür für Farben, Formen und eine harmonische Zusammenstellung.
Ihr Chef ist von ihren Fähigkeiten überzeugt. Er beschreibt sie als äußerst leistungsstark, intelligent und zielstrebig. Fehler, die während einer Ausbildung ganz normal sind, sieht Define als Gelegenheit, etwas dazuzulernen. Was sie einmal verstanden hat, setzt sie beim nächsten Mal besser um.
Dabei beschränkt sich ihre Arbeit längst nicht mehr auf einfache Verkaufstätigkeiten. Sie übernimmt anspruchsvolle Aufgaben, stellt Cateringplatten zusammen und kümmert sich eigenständig um Kundenwünsche.
Dass sie heute so sicher arbeitet, hat sie sich Schritt für Schritt erarbeitet.

Eine Chance, die auf Initiative entstand
Das Define überhaupt nach Deutschland kam, ist auch dem Engagement ihres Arbeitgebers zu verdanken. Metzgermeister Dirk Freyberger suchte nach neuen Auszubildenden und nahm Kontakt zu Sprachschulen in Simbabwe auf. Seine Idee: Jungen Menschen eine berufliche Perspektive in Deutschland ermöglichen und gleichzeitig dem Fachkräftemangel im Handwerk begegnen.
Die Resonanz ließ nicht lange auf sich warten. Innerhalb einer Woche gingen zehn Bewerbungen ein. Nach ersten Gesprächen und einem Videochat fiel die Wahl auf Define. Sie überzeugte ihren zukünftigen Arbeitgeber mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Auftreten.
Für den Ausbildungsbetrieb war damit allerdings auch Verantwortung verbunden. Denn wer für eine Ausbildung nach Deutschland kommt, braucht mehr als einen Arbeitsplatz. Eine Unterkunft, sprachliche Unterstützung und Menschen, die bei Fragen helfen, können entscheidend dafür sein, ob der Start gelingt.
Die Metzgerei unterstützt ihre Auszubildenden deshalb auch bei der Wohnungssuche und stellt angemieteten Wohnraum zu günstigen Konditionen zur Verfügung. Zusätzlich gibt es gezielte Sprachförderung, interne Übungsmöglichkeiten und besondere Ausbildungstage, an denen die Nachwuchskräfte ihre praktischen Fähigkeiten vertiefen können.
Die Botschaft dahinter ist klar: Gute Fachkräfte zu gewinnen, bedeutet auch, ihnen eine echte Chance zu geben.
Wenn die Sprache zur Herausforderung wird
Im Verkauf ist Kommunikation besonders wichtig. Kunden möchten wissen, woher Fleisch stammt, welche Tierarten und Rassen verarbeitet werden oder welche Eigenschaften ein Produkt hat. Für Define bedeutete das, sich neben den allgemeinen Sprachkenntnissen auch umfangreiches Fachwissen anzueignen.
Gerade am Anfang waren manche Fragen schwierig zu beantworten. Doch statt sich davon entmutigen zu lassen, fragte sie nach, lernte weiter und arbeitete sich in die Themen ein.
Auch ihr Arbeitgeber erkannte, dass die Sprache ein entscheidender Schlüssel zur Integration ist. Deshalb wurde zusätzlicher Deutschunterricht organisiert. Zweimal pro Woche erhielten die Auszubildenden Unterstützung durch einen Lehrer und konnten ihre Kenntnisse gezielt verbessern.
Das Ergebnis zeigt sich im Arbeitsalltag: Define berät inzwischen Kunden, nimmt Bestellungen entgegen und bedient die Verkaufstheke. Sie hat gelernt, mit neuen Situationen umzugehen und auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn sie zunächst nicht jede Antwort kennt.
Denn eine erfolgreiche Ausbildung bedeutet nicht, von Anfang an alles zu können. Entscheidend ist, bereit zu sein, dazuzulernen.

Rassismus im Arbeitsalltag: Eine Erfahrung, die Spuren hinterlässt
Doch Defines Weg war nicht nur von beruflichen Herausforderungen geprägt. Immer wieder begegnete sie Menschen, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandelten.
Manche Kunden wollten nicht von ihr bedient werden. Andere begegneten ihr mit Misstrauen. Teilweise musste sie sich für ganz normale Verkaufsvorgänge besonders rechtfertigen und beispielsweise genau erklären, wie sich der Preis einer Bestellung zusammensetzt.
Solche Erlebnisse hinterlassen Spuren. Define berichtet offen davon, dass sie nach verletzenden Begegnungen schon geweint hat. Besonders schwer sei es gewesen, danach direkt zum nächsten Kunden gehen und professionell weiterarbeiten zu müssen.
Wenn jemand unfreundlich oder abweisend reagiert, beschäftigt sie das. Sie fragt sich, was sie falsch gemacht haben könnte und wie sie es beim nächsten Mal besser machen kann, obwohl der eigentliche Grund für die Ablehnung nicht bei ihr liegt.
Ihre Erfahrungen machen deutlich, wie belastend Diskriminierung im Alltag sein kann. Es geht nicht nur um einen einzelnen unangenehmen Moment. Es geht auch um das Gefühl, sich beweisen zu müssen, obwohl andere Menschen längst einen Anspruch auf denselben Respekt haben.
Ein Arbeitgeber, der klare Grenzen setzt
Für Dirk Freyberger ist Rassismus nicht hinnehmbar. Er macht deutlich, dass Kunden, die Mitarbeiter rassistisch behandeln, in seinem Betrieb nicht willkommen sind. Wer sich entsprechend verhält, muss mit einem Hausverbot rechnen.
Seine Haltung ist eindeutig: Für ihn zählen nicht Herkunft oder Hautfarbe, sondern Motivation, Können und der Wille, etwas zu erreichen.
Diese Haltung ist mehr als ein Bekenntnis. Sie zeigt sich darin, dass er seine Mitarbeiter unterstützt, ihnen Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet und bei rassistischem Verhalten nicht einfach wegschaut.
Gerade in einem Beruf mit engem Kundenkontakt ist das wichtig. Beschäftigte müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Arbeitgeber hinter ihnen steht. Respekt darf keine Frage der Herkunft sein und ein Arbeitsplatz sollte ein Ort sein, an dem Leistung zählt, ohne dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe abgewertet werden.
Allein in einer neuen Stadt und Schritt für Schritt angekommen
Neben der Arbeit war auch das Leben außerhalb des Betriebs zunächst schwierig. In Simbabwe hatte Define ihre Familie um sich. Nach Feierabend konnte sie nach Hause gehen und Zeit mit ihren Angehörigen verbringen.
In Nürnberg war das anders. Sie kannte anfangs kaum jemanden, hatte keine Familie in unmittelbarer Nähe und musste sich erst ein neues soziales Umfeld aufbauen.
Umso wichtiger wurden die Menschen, die sie bei der Arbeit kennenlernte. Aus Kollegen wurden Bezugspersonen, die ihr nicht nur fachlich halfen, sondern sie auch in schwierigen Momenten unterstützten.
Auch die Gespräche mit ihrer Mutter gaben ihr Kraft. Sie riet Define, geduldig zu bleiben und weiterzumachen. Ein Kollege bestärkte sie darin, sich von verletzenden Begegnungen nicht entmutigen zu lassen.
Define hat für sich einen Weg gefunden, mit solchen Erfahrungen umzugehen: Sie versucht, einzelne Menschen nicht mit einer ganzen Gesellschaft gleichzusetzen. Es gebe freundliche und unfreundliche Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft.
Diese Haltung nimmt den Erfahrungen nicht ihre Schwere. Sie hilft Define jedoch, den Blick nach vorn zu richten.

Vom Ausbildungsabschluss zur beruflichen Zukunft
Heute hat Define ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und arbeitet als ausgebildete Fachverkäuferin. Ihr Arbeitgeber sieht in ihr nicht nur eine zuverlässige Mitarbeiterin, sondern auch eine mögliche Führungskraft.
Er kann sich vorstellen, dass sie künftig mehr Verantwortung übernimmt, beispielsweise im Management der rund um die Uhr geöffneten Verkaufsstandorte des Unternehmens. Um sie auf diesem Weg zu unterstützen, hat er ihr sogar den Führerschein finanziert.
Das ist ein deutliches Zeichen des Vertrauens und eine Investition in eine Mitarbeiterin, deren Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist.
Auch Define selbst hat klare Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie möchte sich weiterbilden, neue Aufgaben übernehmen und immer wieder etwas dazulernen. In Deutschland hat sie einen Beruf gefunden, der ihr gefällt und ihr Perspektiven eröffnet.
Dabei geht es ihr nicht darum, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Sie möchte weiterkommen.
Warum das Handwerk Menschen wie Define braucht
Defines Geschichte steht auch im Zusammenhang mit einer großen Herausforderung für das deutsche Handwerk: Viele Betriebe suchen Nachwuchs, während zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Gleichzeitig gehen in den kommenden Jahren viele erfahrene Beschäftigte in den Ruhestand.
Internationale Auszubildende können einen wichtigen Beitrag leisten. Die Voraussetzung ist allerdings, dass Betriebe bereit sind, in ihre Ausbildung, ihre Sprachkenntnisse und ihre Integration zu investieren.
Die Erfahrung der Metzgerei Freyberger zeigt, wie das gelingen kann: Durch persönliche Begleitung, zusätzliche Lernangebote, Unterstützung bei der Wohnraumsuche und die Bereitschaft, Menschen langfristige Perspektiven zu eröffnen.
Dabei profitieren beide Seiten. Die Auszubildenden erhalten eine berufliche Chance und können sich ein neues Leben aufbauen. Die Betriebe gewinnen motivierte Mitarbeiter, die sich fachlich entwickeln und zunehmend Verantwortung übernehmen.
Define ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Sie hat sich in eine neue Sprache eingearbeitet, fachliche Kenntnisse erworben, ihre Fähigkeiten im Kundenkontakt verbessert und sich trotz persönlicher Rückschläge nicht von ihrem Weg abbringen lassen.
Gleichzeitig zeigt ihre Geschichte, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Sie verlangt Einsatz von den Menschen, die neu anfangen, aber auch Offenheit, Unterstützung und klare Haltung von denjenigen, die sie aufnehmen.

„Ich mache immer weiter“
Was Defines Geschichte besonders macht, ist nicht, dass sie niemals an ihre Grenzen gestoßen wäre. Es ist vielmehr die Art, wie sie mit Schwierigkeiten umgeht.
Sie hat gezweifelt, sich überfordert gefühlt und verletzende Erfahrungen gemacht. Sie musste sich in einem neuen Land zurechtfinden, eine Sprache lernen und beruflich Fuß fassen. Und sie hat trotzdem weitergemacht.
Heute steht sie auf eigenen beruflichen Beinen, hat ihre Ausbildung bestanden und blickt mit Zuversicht nach vorn.
Ihre Geschichte ist deshalb nicht nur eine Geschichte über Fachkräftesicherung oder eine gelungene Ausbildung. Sie handelt von Mut, Ausdauer und der Möglichkeit, sich eine Zukunft aufzubauen, selbst dann, wenn der Weg schwieriger ist als erwartet.
Define möchte weiter lernen, sich weiterentwickeln und sich nicht unterkriegen lassen. Denn manchmal beginnt eine Erfolgsgeschichte genau dort, wo jemand trotz aller Hindernisse beschließt, nicht aufzugeben.


